MARIA RAKEL Das Gewicht der Zeiten




TEXTILPRODUKTION IM MITTELALTER
Mein Interesse gilt vorwiegend den Umbruchzeiten der Geschichte und ihren Auswirkungen auf das persönliche Leben und soziale Rollen am Beispiel der Weberei, bzw. Textilproduktion und der Rolle der Frauen. Da die grundlegende Technik sowie die Arbeitsabläufe in der Handweberei seit Jahrhunderten dieselben geblieben sind, waren mir einige Vorstellungen der Historiker über die mittelalterliche Arbeitswelt nicht schlüssig. Auch damals mussten die Arbeitsabläufe stringent und auf Profitmaximierung gerichtet und deshalb keine beschauliche Tätigkeit, sondern harte Arbeit gewesen sein. Als Handweberin weiss ich, wie körperlich anstrengend und zeitintensiv die Weberei ist, wie viel Durchhaltevermögen es braucht, um damit den Lebensunterhalt zu verdienen. Auch wenn Innovationen die Produktion schon im Mittelalter und fortlaufend bis heute erleichtern, so hat sich der Prozess des Webens selbst nicht wesentlich verändert. Die Grundlagen sind noch immer dieselben, wie schon seit Jahrtausenden in denen Weber die Menschheit bekleidet haben. Erst die industrielle Revolution machte Handweber weit gehend überflüssig und degradierte das Handwerk zum Hobby.
Wenige Menschen haben seitdem je einen Webstuhl, geschweige denn einen Weber/in bei der Arbeit gesehen. Das Bild beschauliche einer Frau an einem kleinen Hobbywebstuhl in häuslicher Umgebung, die das Weberschiffchen gemächlich von einer Seite zur anderen wirft, prägt heute die Auffassung von Weberei in modernen westlichen Gesellschaften.

So wundert es nicht, dass die Weberei des Mittelalters gleichermaßen gesehen wird. Das können auch die wenigen noch arbeitenden Handweber/innen nicht ändern, da Filme und Romane ein ähnliches Bild vermitteln. Vielleicht wird deshalb industriell gefertigten Textilien leichter das Recht zuerkannt, hohe Preise zu erzielen. Bezeichnend eine Frage in meinem Atelier: “Warum ist denn das so teuer, sie machen das doch selbst...“
Im Zuge meiner Recherche fand ich wenig über die Lebens- und Arbeitsbedingungen in der mittelalterlichen Weberei als Handwerksbetrieb. Außer Erkenntnissen über die Art von Stoffen, die produziert und die Mengen in denen sie exportiert wurden, gibt es Funde und Abbildungen von mittelalterlichen Webstühlen und –geräten, aber nur seltene Funde von Textilien. Eine differenzierte Sicht auf die Lebens- und Produktionsbedingungen derer, die die Tuche herstellten, die Arbeitsbedingungen und Anforderungen einer Tuchproduktionswerkstatt, fand ich nicht.
Köln ist eine der best dokumentierten mittelalterlichen Städte in Europa und viele der Dokumente sind auch ins heutige Deutsch übertragen und einsehbar. Dies ist einer der Gründe, warum ich meine Geschichte in Köln angesiedelt habe. Ein weiterer: in Köln hatten Frauen bis auf das Wahlrecht die gleichen Freiheiten, wie Männer. Vor allem: sie konnten Verträge abschliessen oder ein Geschäft führen ohne männliche Vormundschaft. Außerdem war Köln ein grosser Produzent und Exporteur von Tuchen.
Hier einige Zahlen zur mittelalterlichen Tuchproduktion und zu ihrer Bedeutung für den einzelnen Handweberei Betrieb:
Jeder einzelne Faden wurde mit Handspindeln gesponnen. Spinnräder waren, sofern bekannt oder vorhanden, verboten, unter Strafe gestellt und wurden zerstört. Erst ab dem 14. Jhdt kamen sie in Gebrauch. Zu Christines Zeit wurden 8 Vollzeitspinnerinnen mit Spindeln gebraucht, um einen Webstuhl mit ausreichend Garn zu versorgen. Die Garnstärke war nach heutiger Bezeichnung 8 nm, geeignet für mittelfeine Stoffe, wie sie in Köln produziert wurden. Das Kettgarn musste dabei 2-fach gezwirnt sein und aus präzise 20 Wollhaaren bestehen, damit es das Kölner Gütesiegel bekam. Schon vor 1371 hatte die Webergilde die Anzahl der Webstühle in der Stadt auf 200 festgelegt. Auf diese Weise sollte die Niederlassung ausserstädtischer Weber verhindert werden, um den ansässigen Webern ein ausreichendes Einkommen zu sichern. Es wird vermutet, dass auch Rohtuch aus dem Umland importiert und in Köln verfeinert wurde, um die hohen Exportzahlen zu erreichen, aber dafür fand ich keine Daten.
Mit diesen 200 Webstühlen wurden 15 000 – 20 000 Stücke Tuch pro Jahr produziert. Ein Stück Tuch war 27,5 m (48 Ellen ca 27 ½ m) lang und 1,15 – 1,3 m breit (in der Regel 2600 Kettfäden).

Bei 15 000 Stück Tuch bedeutet das: Bei 20 000 Stück Tuch bedeutet das:
= 75 Stück Tuch pro Webstuhl = 100 Stück Tuch pro Webstuhl
= 1,44 Stück Tuch pro Woche = 1,93 Stück Tuch pro Woche
= 39,66 m pro Woche und Webstuhl = 53,66 m pro Woche und Webstuhl

Am Trittwebstuhl erreicht man eine durchschnittliche Webgeschwindigkeit von 20 Schuss pro Minute. Bei mittelfeinen Wolltuchen, wie sie in Köln hergestellt wurden, mit einer Schussdichte von 20 Schuss pro cm bedeutet das einen Ertrag von = 1,2 m pro Stunde. Bei einem angenommenen Mittel von 10 Arbeitsstunden pro Tag und einer 6 Tagewoche = 72 m pro Woche Aber das sind die reinen Webezeiten.
Hier noch einige arbeitstechnische Zeitfaktoren:
Nach dem Abweben jeder Tuchlänge muss für das Neueinrichten des Webstuhls und die verschiedenen Nebenarbeiten ca 1 Arbeitstag berechnet werden, selbst wenn diese Abläufe auch schon damals sehr stark rationalisiert gewesen sein mögen: die Vorarbeiten wie das Schären und das Aufbäumen der Kette z. B. könnte außerhalb des Webstuhls, gar in einem anderen Raum auf gesonderten Gestellen stattgefunden haben, während der Webstuhl weiterhin in Betrieb war. Das Anknüpfen oder Anschnellen von 2600 Kettfäden an die Enden der alten Kette muss trotzdem am Webstuhl selbst geschehen und erfordert für diese Kettfadenzahl ein Minimum von 15 Arbeitsstunden. So lange kann also nicht gewebt werden.
Das reduziert den maximalen Wochenertrag auf 50 m.
Längere Ketten als 50 m (100 m) die dann nach jeder Tuchlänge abgeschnitten wurden, sind unwahrscheinlich. Aufgrund von Mittelalterlichen Schärvorrichtungen und Webstuhlkonstruktionen ist schon bei 50 m das exakte Ablängen von 2600 Kettfäden schwierig, und das Aufbäumen unter gleichmäßiger Spannung, die sich über die gesamte Kettlänge erhält, ebenfalls.

Noch ein paar Gedanken zur Kölner Tuchproduktion:
Der Transportfluss aller Materialien und Zwischenprodukte zu den entsprechenden Handwerkern musste organisiert, in Gang gehalten und die Qualität überwacht werden. D. h. jemand musste sich u.A. darum kümmern, dass die Spinnerinnen mit genügend Rohwolle versorgt waren, und den Standard von z. B. 20 Wollhaaren pro Kettfaden einhielten. Natürlich musste auch der eigentlichen Handel, der Export organisiert und abgewickelt werden: z. B. die Beteiligung an Frachtschiffen, Handelskaravanen oder auch die eigenständigen Handelsreisen zu den wichtigen Messen und Märkten des damaligen Europa. Das reichte aus, die Kapazitäten eines größeren Familienbetriebes auch ohne “Import” von Rohtuchen aus dem Umland auszulasten.
Es gibt für diesen Zeitraum kaum gesicherte Zahlen, aber es weist sehr viel darauf hin, dass in den Jahren zwischen ca 1250 bis zur Weberschlacht von 1371 die Kölner Weber später nie wieder erreichte Mengen Tuch produziert und exportiert haben. Woraus sich wiederum rückschliessen lässt, dass die Rohstoffversorgung zur Blütezeit der Wolltuchproduktion vor 1371 wahrscheinlich durch den Handel mit England schon weitgehend selbst organisiert war. Das machte die mittelalterlichen Betriebe besonders in der Tuchproduktion sehr profitabel. So profitabel, dass die Weber als aufstrebender, kapitalschaffender Mittelstand ihre Interessen im Kölner Rat vertreten und abgesichert sehen wollten. Ein Halbfertigprodukt zur Veredelung einzuführen erhöhte das Qualitätsrisiko und verringerte den Profit der Tuchhändler, die ja fast alle auch –produzenten waren. Nur wenn die veredelnden Handwerke in den profitablen Handel mit Tuchen eingestiegen wären, hätte “importiertes” Rohtuch sie vom Diktat der innerstädtischen Tuchhändler befreien können. Doch dazu wäre ein eigenes Beschaffungs- und Vertriebsnetzwerk nötig gewesen und darüber habe ich keine Daten oder Erwähnungen gefunden. Außerdem hätten die Tuchhändler da sicher einen gesetzlichen Riegel vorgeschoben und dieser wäre dann auch dokumentiert.

Über dieses Buch Webstuhlerklärung

DAS LINK zum eBook oder Taschen-BUCH:
http://www.amazon.de/dp/3000599681


Bitte besuchen Sie mich auch auf meiner Atelier-Website:
www.mariarakel.com

INHALT IMPRESSUM